Der Morgen des 22. Juni empfängt uns mit Sonne – ein sanfter Start in den neuen Tag. Wir frühstücken in Ruhe, draußen liegt ein leichter Dunstschleier über dem Wasser.
Um 8:50 Uhr legen wir ab. Der Wind? Kaum der Rede wert. Die Segel bleiben unten – zu wenig, um damit sinnvoll zu arbeiten. Es ist ein Dieseltag. Und das, so lernt man auf dem Wasser schnell, ist kein Versagen, sondern manchmal einfach die Wahrheit.

Die Ostsee liegt flach und ruhig vor uns, der Motor schnurrt gleichmäßig. Kurz nach dem Ablegen passieren wir Møns Klint – die bis zu 128 Meter hohen weißen Kreidefelsen, die sich über sechs Kilometer an der Ostküste der Insel Møn entlangziehen. Vom Wasser aus wirken sie noch imposanter als von Land. Mit Buchenwäldern bewachsen thronen sie majestätisch über türkisem Meer – Dänemarks Antwort auf die Kreidefelsen von Rügen, sozusagen. Ein Anblick, der auch bei Gegenwind entschädigen würde. Heute ist die See glatt und wir haben alle Zeit der Welt, sie zu genießen.
Um 10:45 Uhr dann ein kurzes Aufflackern von Hoffnung. Wind aus Südost, 10 bis 12 Knoten – die Segel gehen hoch, das Boot nimmt Fahrt auf. Für knapp eine Stunde ist es genau das, wofür man segelt. Dann legt sich der Wind wieder, so plötzlich wie er kam. Der Diesel übernimmt wieder.
Um 14:00 Uhr laufen wir in Rødvig ein – früh genug, um die Wahl zu haben. Ein Platz an der Kaimauer wartet auf uns. Noch wissen wir nicht, dass dies noch eine eigene Herausforderung werden wird.
Rødvig ist einer jener Häfen, die noch erzählen, was sie einmal waren. Ein paar Fischkutter liegen zwischen den Freizeitbooten, Netze warten auf ihren nächsten Einsatz. Am Hafenrand steht ein alter weißer Feuersteinofen aus dem 19. Jahrhundert – stummes Wahrzeichen besserer Zeiten. Die guten Zeiten der großen Fischerei sind vorbei, aber ein Rest davon hängt noch in der Luft, zusammen mit dem unverkennbaren Geruch von Salz und frischem Fang.
Im Laufe des Nachmittags verändert sich die Stimmung spürbar. Wolken ziehen auf, der Wind frischt auf. Das Wetter kündigt etwas an.
Und dann beobachten wir, wie ein Einhandsegler in die Einfahrt kommt. Allein an Bord, Wind von der Seite, das Manöver wird zusehends zur Herausforderung. Wir greifen zur Leine und helfen beim Anlegen. Beim Festmachen kommen wir ins Gespräch: ein pensionierter Polizist aus Kopenhagen, jeden Sommer alleine unterwegs. Im Herbst geht es zurück zur Frau, im nächsten Frühling wieder los – diesmal mit Ziel Kanarische Inseln. Ein Leben, das seinen eigenen Rhythmus gefunden hat.
Der Wind sollte uns in den nächsten Tagen noch beschäftigen. Drei Nächte würden wir in Rødvig bleiben – aber das ist eine andere Geschichte.
