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Windpause in Rødvig – Feuer, Felsen und Vergangenheit

Tag 1 – St. Hans: Das Feuer am Strand

Manchmal entscheidet nicht man selbst, wann es weitergeht – sondern das Wetter. Der 23. und 24. Juni gehörten dem Wind. Böen bis 25 Knoten, selbst im geschützten Hafen. Draußen auf der Ostsee war an Weiterkommen nicht zu denken.

Das Wetter spielte verrückt: Regen, dann Sonne, dann wieder Böen. Wir nutzten die Zwangspause. Vorräte aufgefüllt beim Brugsen, dem dänischen Supermarkt, der in keinem Ort fehlt. Dann ein Spaziergang durch den Hafen. Tagsüber war der Ort auffallend still – fast gespenstisch leer. An einigen Stellen erzählten noch die Spuren vom schweren Herbststurm im Oktober 2023 vom Zorn der Ostsee: Boote, sturmgezeichnet und aufgebockt an Land, nie wieder instand gesetzt. Wo früher Strandhütten standen, klaffen heute Lücken. Einige Gebäude wurden bereits neu gebaut, andere sind noch im Bau. Die Ostsee hat sich genommen, was sie wollte – und der Wiederaufbau läuft in seinem eigenen Tempo.

Und dann kam der Abend. St. Hans – das dänische Johannisfest, die Nacht der Lagerfeuer. Um 20:30 Uhr wurde das Feuer entzündet. Ein großer Holzstoß, und obendrauf – wie es Tradition verlangt – eine Hexe.

Plötzlich wussten wir, wo all die Menschen waren, die tagsüber fehlten. Der Strand war brechend voll. Familien, Kinder, ältere Paare – der ganze Ort auf einem Haufen. Die Stimmung war ausgelassen und herzlich. Das Feuer erinnerte uns unweigerlich an die Funkenfeuer daheim – jener Brauch am Wochenende nach Aschermittwoch, wenn der Winter symbolisch verbrannt wird. Dasselbe uralte Ritual, ein anderer Anlass, eine andere Küste.

Und natürlich: Eis. In Dänemark geht offenbar nichts ohne Eis – egal ob es stürmt oder die Sonne scheint.

Gegen 22:00 Uhr machten wir uns wieder auf den Weg zum Boot. Dieser Abend hatte die Zwangspause in etwas verwandelt, das man sich nicht hätte kaufen können.

Tag 2 – Stevns: Leuchtturm, Klippen und Vergangene Tage

Am nächsten Morgen – Starkwind, kein Gedanke ans Ablegen – entdeckten wir eine dieser kleinen dänischen Annehmlichkeiten: Die Busse in Rødvig fahren kostenlos. Um 10:00 Uhr stiegen wir ein, Ziel Stevns Lighthouse.

Nach der Besichtigung des Leuchtturms machten wir uns zu Fuß auf den Weg zurück – entlang der Ostküste, vorbei an Stevns Klint. Die Kreidefelsen sind UNESCO-Weltnaturerbe, und vom Wanderweg aus versteht man sofort warum: weiße Steilwände, die senkrecht ins Meer fallen, darunter türkises Wasser. Ein Anblick, der einen kurz verstummen lässt.

Direkt an den Klippen steht Højerup Gamle Kirke – eine mittelalterliche Kirche, von der die Ostsee sich bereits einen Teil zurückgeholt hat. Ein Stück des Friedhofs ist längst ins Meer gestürzt. Die Kirche selbst steht noch – aber wie lange? Ein stilles, eindringliches Bild.

Wenige Schritte weiter: Stevnsfort. Eine Bunkeranlage aus dem Kalten Krieg, tief in den Felsen gehauen, jahrzehntelang geheim. Wir hatten keine Zeit für eine Führung – aber was an der Oberfläche sichtbar ist, spricht für sich: schwere Geschütze, die noch immer aufs Meer zeigen, und unscheinbare Lüftungsschächte im Boden, die zu unterirdischen Gängen führen. Man muss nicht tief einsteigen, um zu spüren, was hier war. Die stille Bedrohung einer ganzen Epoche.

Auf dem Rückweg eine jener Begegnungen, die man nicht plant und hinterher nicht missen möchte. Eine Frau sprach uns an – ob wir von ihnen ein Foto machen könnten, alle zusammen, zwei Paare, ein Schnappschuss als Erinnerung. Natürlich. Kamera, Lächeln, Klick.

Daraus wurde eine angenehme Unterhaltung. Und aus der Unterhaltung wurden 45 Minuten. Das eine Paar aus Kopenhagen, eines aus Wisconsin – und plötzlich fanden sich vier Menschen an einer dänischen Küste, die sich vor einer Stunde noch nicht kannten und über Reisen, Zuhause und alles dazwischen redeten. Wie das manchmal so ist, wenn der Ort stimmt und die Zeit keine Rolle spielt.

Um 15:00 Uhr waren wir zurück im Hafen. Den Abend beschlossen wir mit Fisch und Chips – direkt vom Fischer, vom Wasser auf den Tisch. Der Laden: funktionell, kein Schnickschnack. Das Essen: ausgezeichnet. So muss das sein.