Sonntag, 29. Juni. Die Frage, die uns schon seit Tagen beschäftigt, hängt wieder in der Luft: Wohin?
Die ursprüngliche Route – Rund Seeland – klingt nach Abenteuer. Aber das Wetter hat uns in den letzten Wochen mehr als einmal ausgebremst. Und wenn das Urlaubsende näher rückt, wird aus einem Abenteuer schnell ein Stressfaktor. Wir wägen ab. Argumente hin, Argumente her. Die Entscheidung fällt: Wir nehmen den kürzeren Weg zurück in die Heimatmarina – so wie wir gekommen sind. Kein Risiko, kein Zeitdruck. Segeln soll Freude machen.
Um 08:45 Uhr legen wir ab. Blauer Himmel, Sonnenschein, 19 Grad – und 16 Knoten Wind. Ein vielversprechender Start….
Die ersten zwei Stunden laufen gut. Dann die Øresundbrücke – wir kennen sie schon von der Hinfahrt, die Passage ist Routine. Und doch hat dieses Bauwerk etwas, das man nicht einfach ignoriert: 8 Kilometer Stahl und Beton zwischen Schweden und Dänemark, und wir mittendrin auf unserem kleinen Boot.

Doch der Øresund hat seine eigenen Regeln. Was die Vorhersage verschwiegen hatte, meldet sich kurz danach eindrücklich zu Wort: Der Wind zieht auf 26–28 Knoten an, Böen reißen bei 32. Und vor allem – er kommt aus der falschen Richtung. Dazu eine kurze, steile Welle. 1,5 bis 2 Meter, alle drei Sekunden. Wer noch nie in solchen Bedingungen gesegelt ist: Es ist weniger das Auf und Ab, das zermürbt – es ist der unrhythmische Takt, dieser nervenzehrende Rhythmus ohne Rhythmus, der Körper und Konzentration bis ans Limit treibt.
Die Emotionen an Bord sind wie der Kurs: ein ständiges Auf und Ab. Wenn wir den Kurs so anpassen, dass wir angenehm segeln können, ist die Welt wieder in Ordnung. Aber diese Kurse führen ins Nirgendwo. Die Kurse, die uns voranbringen – die uns dorthin führen, wo wir schlafen können – die sind genau das: eher dazu geeignet, einem das Segeln abzugewöhnen. Kurskorrektur. Nochmal. Und nochmal.
Koge – unser ursprüngliches Tagesziel – rückt in weite Ferne. Wir steuern die Faxe Bucht an. Irgendwo auf der Ostsee müssen an diesem Tag Segler mit einem anderen Wetterbericht unterwegs gewesen sein – wir sahen jedenfalls kaum ein Boot. Ob die die besseren Quellen hatten oder schlicht mehr Vernunft, wissen wir bis heute nicht. Eine Boje nimmt uns auf. 53 Seemeilen auf der Logge. Der Tag hat uns einiges abverlangt.
19:15 Uhr – das Boot ist klar. Und dann passiert das, was immer passiert: Der Wind legt sich. Die See beruhigt sich. Als hätte der Øresund nur auf uns gewartet.
Die Küche bleibt kalt. Belegte Brote, ein Salat – mehr braucht es nicht, mehr will niemand. Dann ab in die Koje.
Ganz ruhig war die Nacht allerdings nicht. Die Leine zur Boje hatte ihr eigenes Programm – ein gleichmäßiges Quietschen, das sich im Innenraum verstärkte machte uns beiden anfangs noch zu schaffen. Und doch: Der sanfte Schwell, der das Boot in einem langsamen, gleichmäßigen Rhythmus wiegte, war am Ende stärker. Er hat uns einfach in den Schlaf geschaukelt. Als wären wir wieder Kinder.
Der Wetterbericht für den nächsten Tag lächelt uns schon wieder entgegen – allerdings mit dem Lächeln eines Motorbootfahrers. Für uns Segler heißt das: wenig Wind, viel Hoffnung.