Mittwoch, 2. Juli 2025. Die Nacht haben wir ruhig vor Anker in der Bucht vor Prerow verbracht – eine dieser stillen, fast meditativ schönen Ankernächte, wie sie die Ostsee manchmal schenkt. Am Morgen empfängt uns strahlender Sonnenschein, kein einziges Wölkchen am Himmel. Um 8:00 Uhr geht der Anker auf. Neun Knoten Wind aus Südost – ruhig, berechenbar, vielversprechend.

Die erste halbe Stunde motoren wir, um die Bucht hinter uns zu lassen. Aber bevor die Segel gesetzt werden, ist noch eine kleine Zeremonie fällig: Rasmus und Neptun werden gebührend gehuldigt. Man weiß ja nie – und an diesem Tag sollte sich die Investition mehr als auszahlen. Um 8:30 Uhr gehen Groß und Genua hoch. Der Wind hat leicht auf Süd gedreht, bläst mit 10 bis 13 Knoten – ein Lehrbuchsegeltag. Das Boot läuft gleichmäßig, die Stimmung an Bord ist entspannt und gut.
Dann, irgendwo im offenen Wasser, die erste Überraschung des Tages: Seehunde. Die ersten dieser Saison. Sie tauchen neben dem Boot auf und beobachten uns mit großen, neugierigen Augen – abwartend, aufmerksam, hoffnungsvoll. Man merkt genau, was sie denken: Ob da wohl was abfällt? Leider nein, aber der Moment bleibt. Diese kleinen Begegnungen mit der Tierwelt sind es, die eine Etappe aus dem Alltag herausheben.
Dazu gesellen sich die anderen Könige dieser Gewässer: mächtige Fährschiffe auf dem Weg von Schweden und Finnland. Warnemünde ist ein bedeutender Fährhafen – das spürt man auf dem Wasser. Neben diesen Giganten schrumpft unser Boot auf Spielzeugformat. Ein eindrucksvoller Kontrast, der einem die Dimensionen auf See immer wieder neu vor Augen führt.



Um 13:40 Uhr erreichen wir die Einfahrt nach Warnemünde. Die Segel gehen runter, der Motor übernimmt. Wir gleiten in den Hafen – und finden reichlich freie Liegeplätze. Kein Gedränge, kein Stress. Vielleicht lag es an Rasmus und Neptun. Wir werden das Ritual in Zukunft konsequent beibehalten.

Der Abend hält noch eine Überraschung bereit. Ganz Deutschland hat in den vergangenen Tagen unter einer Hitzewelle gelitten – und nun, am letzten heißen Tag, meldet sich das Wetter mit einem donnernden Ausrufezeichen zurück. Das Gewitter kommt pünktlich, wie angekündigt. Wir haben vorgesorgt: extra Leinen, alles verzurrt.
Was dann folgt, ist eine Stunde konzentrierter Wachheit. Der Wind zerrt mit Nachdruck am Boot, Böen peitschen über den Hafen. Unsere ganze Aufmerksamkeit gilt den Festmachern – immer wieder prüfen wir den Halt der Leinen, kontrollieren, nachspannen, beobachten. Kein Moment zum Entspannen, bis der letzte Bö abgeflaut ist. Nach einer Stunde ist der Spuk vorbei. Der Hafen liegt wieder ruhig im Abendlicht – als wäre nichts gewesen. Wir auch. Fast.

Am nächsten Morgen legen wir einen wohlverdienten Hafentag ein. Warnemünde erkundet sich am besten zu Fuß. Der Leuchtturm an der Hafeneinfahrt ist Pflichtprogramm – mit Blick auf das Treiben auf dem Wasser umso mehr. Denn der 3. Juli ist kein gewöhnlicher Donnerstag: Es ist der Vorabend der 87. Warnemünder Woche, einem der größten Segel- und Sommerfeste der Ostseeküste. Segler aus aller Welt geben sich hier ein Stelldichein.
Auf dem Wasser herrscht Hochbetrieb. Es ist Trainingstag. 49er, ILCA, Skiffs und viele mehr – sie alle tummeln sich auf dem Dreieckskurs in der Bucht. Schnell, präzise, spektakulär. Für uns als Zuschauer vom Ufer aus: großes Kino. Man muss kein Regattagänger sein, um zu verstehen, dass hier echtes Können zu besichtigen ist.







An der Mole hingegen wird es für manchen Spaziergänger ungemütlich: Eine steife Briese treibt mächtige Brecher über die Mauer, die sich ungebeten über die Flanierenden ergießen. Wer zu nah herangeht, wird nass – keine Frage. Wer es trotzdem riskiert, bekommt die volle Ostsee-Erfrischung frei Haus.